Von Dr.. Dunja Beck und Klaus Lawrenz
watch.ing - Die Nacht der Technik
18 Uhr am Neumarkt in Köln: Vor dem gelben ADAC-Truck tummeln sich wartende Menschen. Viele haben Wasserflaschen im Gepäck, es ist warm an diesem Abend in der Domstadt. Die Wartenden blättern in dem kleinen, handlichen Heftchen und besprechen die Pläne für die nächsten Stunden. Eltern mit ihren Kindern, Paare mittleren Alters, Jugendliche, alleine, zu zweit oder in größeren Gruppen, steigen schließlich in die Busse, die mit der Fahrtzielanzeige „watch.ing“ und den Tour-Nummern ausgestattet sind. Die Busse, die den Neumarkt dann in verschiedene Richtungen verlassen, sind proppenvoll und alle Passagiere sind gespannt auf die Führungen, die Vorführungen, Workshops und Experimente, die die Kölner Nacht der Technik an diesem Freitag zu bieten hat.
Es ist die erste „Nacht der Technik”, gemeinsam organisiert durch die Kölner Bezirksvereine von VDI und VDE. Gut anderthalb Jahre dauerten die Planungen und Vorbereitungen. Über 40 Firmen, Unternehmen, Institutionen und Einrichtungen, die sich, ihre Produkte, Innovationen und Dienstleistungen am 26. Juni an rund 30 Orten präsentieren, konnten die Veranstalter für das Projekt interessieren. „Es war bereits ein riesiger Erfolg, zur Erstveranstaltung 40 Unternehmen gewinnen zu können“, sagt Projektleiter Dipl.-Ing. Winfried Wurster. Und er freut sich über die Bilanz, die er am Tag danach ziehen kann: „Für uns alle war das ein Schritt in ein neues, für uns unerforschtes Gebiet. Dass dieser auf derartig großes Interesse stoßen wird, hätten wir nicht zu träumen gewagt.“ Schon bei der Eröffnungsveranstaltung in den Räumen der DEUTZ AG, die neben der AVG Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Köln mbH, der TÜV Rheinland Group und der GS1 Germany GmbH die Veranstaltung als Premiumsponsor unterstützte, hatte Winfried Wurster zur Freude der Anwesenden mitteilen können, dass Kartenkontingent von 5.000 Stück ausgeschöpft sei. Auch die limitierten Sonderführungen waren auf großes Interesse gestoßen, einige waren bereits Wochen vorher ausverkauft. Viele junge Menschen sind an diesem Abend in den Shuttle-Bussen unterwegs. Sie wollen wissen, was die Stadt Köln als Technikstandort leistet, sie wollen hinter die Kulissen technisch orientierter Unternehmen schauen und sie wollen sich über technische Berufe informieren. Und genau das steckte von Beginn an als Idee hinter der Veranstaltung: Köln der Öffentlichkeit als Technikstadt zu präsentieren, und, so Projektleiter Winfried Wurster: „Vor allem junge Leute für Technik zu begeistern.“
Die „Nacht der Technik“ sei ein guter Anfang, um zu zeigen, „was den Technikstandort Köln prägt und was Köln in dieser Richtung zu bieten hat“, betont Prof. Dr.-Ing. Bruno Braun, VDI-Präsident und Vorsitzender der Vorstände TÜV Rheinland, in seiner Ansprache bei der Eröffnungsveranstaltung. Der Nachwuchs müsse für technische Berufe interessiert werden. Und, so Prof. Braun weiter, es sei für einen Standort wie Deutschland „geradezu erschütternd“, wie gering der Frauenanteil in diesem Bereich mit nur 16 Prozent sei. Das müsse unbedingt geändert werden, um Deutschland weiter nach vorne zu bringen. Hier seien unter anderem die Betriebe gefragt, entsprechende Voraussetzungen für Frauen zu schaffen. Kurz nach 18 Uhr: Der Bus der Tour 1, die am Neumarkt beginnt, nimmt Fahrt auf. Alle Plätze sind besetzt, die Fahrgäste stehen eng beieinander. Es geht los. An der ersten Station, T-Mobile, steigt rund die Hälfte der Passagiere aus. Die anderen wollen weiter. Wenige Minuten später dann stoppt der Bus an der Motair Turbolader GmbH. Die Aussteigenden werden von freundlichen Männern und Frauen in „watch.ing“-T-Shirts empfangen. Jeweils etwa 30 freiwillige Helfer von VDI und VDE sind an diesem Abend auf die einzelnen Stationen verteilt, um organisatorische Fragen zu beantworten. Sie setzten sich mit dafür ein, dass „Technik in Köln gezeigt werden kann“, lobt Dipl.-Ing. Frank Winheller, Vorsitzender des VDE-Bezirksvereins Köln, deren Einsatz. Dipl.-Ing. Peter Zschernack, Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Köln, schließt sich dessen Lob an und hebt das Engagement von Projektleiter Dipl.-Ing. Winfried Wurster sowie Dipl.-Ing. Hubert Moritz (VDE Köln), Dr.-Ing. Dieter Kurpiun, Kfm. Uwe Boll und Dipl.-Ing. Thabea Müller (alle VDI Köln) besonders hervor. Sie alle hätten viele Stunden gearbeitet, um dieses interessante und bunte Programm zusammenzustellen. Der Dank Peter Zschernacks gilt an diesem Abend außerdem der DEUTZ AG, die zur Auftaktveranstaltung in ihre Räumlichkeiten eingeladen hatte. Das wiederum sieht Georg Diderich, Senior Vice President, Corporate Management DEUTZ AG, als „besondere Ehre“ an. Als „Wiege der Weltmotorisierung“ stehe die DEUTZ AG für die Faszination, die Technik den Menschen bieten kann. Fasziniert von der Technik, die in einem Motor, hier speziell in einem Turbolader, steckt, sind die Besucher der Motair Turbolader GmbH auf Tour 1 allemal. Schon vor dem Eingang des 1971 gegründeten Unternehmens ist zu sehen, wo Turbolader unter anderem zum Einsatz kommen: Die Besucher passieren einen gelben Rennwagen. Inzwischen ist es 19.30 Uhr und die Führungen durch den Betrieb sind in vollem Gang. Die Besucher tragen sich gerade in die Liste mit der Nummer 11 ein. „Wir machen gerne bei der Nacht der Technik mit und präsentieren unser Unternehmen der Öffentlichkeit“, freut sich Geschäfts- führer Andreas Solibieda über so viel Interesse und übernimmt die elfte Führung gerne selbst. „Was ist eigentlich ein Turbolader?“, fragt er die Gruppe. Verwunderte Gesichter, Andreas Solibieda lächelt und schiebt die Antwort gleich hinterher: „Ein Turbolader ist eigentlich eine Luftpumpe. Und das Schöne ist, ein Turbolader nutzt etwas aus dem Auto, das ohne ihn ungehindert in die Umwelt strömen würde, um sich selbst anzutreiben.“ Die Abgase nämlich treiben ihn an. Nach dieser kurzen Einführung geht es weiter durch die einzelnen Abteilungen des Unternehmens. Der Geschäftsführer erläutert, wie Turbolader funktionieren und in welchen Fahrzeugen sie zum Einsatz kommen, und mancher ist erstaunt, dass der Einsatzbereich weit über den Motorsport hinausgeht. Inzwischen ist die Gruppe auch etwas mutiger und viele Fragen prasseln auf den Diplom-Ingenieur ein. Nach den Umdrehungen pro Minute erkundigen sich die Männer, nach den verschiedenen Größen und Ausführungen. Und Andreas Solibieda zeigt, wie spannend das Geschäft mit Turboladern sein kann. „Er erklärt das wirklich gut“, flüstert denn auch eine Besucherin ihrem Mann zu. „Ich habe ja eigentlich keine Ahnung, aber ich glaube, ich habe alles verstanden.“ Wer einzelne Dinge noch genauer wissen will, kann die Mitarbeiter in ihren schwarzen T-Shirts ansprechen und so erfährt ein Interessierter, dass Turbolader zukünftig auch für Benzinmotoren immer interessanter werden, da die hier geforderten Abgaswerte ohne Turbolader oftmals nicht mehr erreicht werden können. Nahezu zeitgleich auf der Tour 4 bei der DEUTZ AG: Hier im Rechtsrheinischen begann für Köln die Motoren-Technikgeschichte: Die Erfindung des Ottomotors bewegt heute die ganze Welt. Die DEUTZ AG, wie die 1864 gegründete N.A. Otto & Cie heute heißt, ist ihrem Standort annähernd treu geblieben und nur wenige Rheinkilometer aufwärts aus der Stadt hinaus nach Porz-Eil gezogen. Aus dem Technikum, in dem Meilensteine der Motorentechnologie ausgestellt, erklärt und vorgeführt werden, geht es quer über das Firmengelände zur Produktionshalle. Der Produktionsleiter persönlich lässt es sich nicht nehmen, die erste Gruppe des Tages durch die Hallen zu führen: Wolfgang Siebertz nimmt sich Zeit, um Fragen zu beantworten, warnt vor den vollautomatischen gelben Hubwagen, die sich lautlos auf Induktionsspuren ihren Weg durch die Fertigungsstränge bahnen („Keine Angst. Wenn die Ihnen in die Hacken fahren, bleiben sie sofort stehen.“) und schwärmt aus voller Überzeugung von den Produkten seines Hauses: den DEUTZ-Dieselmotoren mit einer Leistung von 50 („Die nennen wir unsere kleinen Feuerzeuge!“) bis 500 Kilowatt. Diese Kraftwerke treiben auf der ganzen Welt Bau- und Landmaschinen, Aggregate und Flugfeldgeräte an. Bis zu 280.000 Stück davon gehen pro Jahr vom Band, speziell auf Kundenwunsch konfiguriert und in den gewünschten Farben endlackiert. „VOLVO ist grün“, lernen so die Besucher und können auch einen Blick in die Prüfstände werfen, wo die fertig montierten Motoren mit Öl und Wasser befüllt werden, bevor sie ein viertelstündiges Testprogramm unter Volllast durchlaufen müssen. Die Nacht ist noch jung, die Temperatur hoch und die Besucher nehmen von Wolfgang Siebertz mit: „Wenn ein Motor, dann ein DEUTZ!“ Premiumsponsoren wie die DEUTZ AG sind unverzichtbar für die Durchführung der Veranstaltung. Doch nicht nur die Firmen, auch die Stadt Köln und das Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes NRW unterstützten die Veranstaltung, betont Projektleiter Winfried Wurster. Dass Technik Freude machen kann, stellt Dr. Michael Stückradt, Staatssekretär im Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes NRW, in seinem Grußwort zur Eröffnung heraus. NRW habe es dringend nötig, sich für das Ziel einzusetzen, mehr Menschen für Technik zu begeistern. „Innovation wird immer wichtiger.“ Daher habe das Ministerium unter anderem die Initiative „Zukunft durch Innovation“ ins Leben gerufen, um Technik in die Schulen zu bringen und für Ingenieurnachwuchs zu werben. „Die Stadt Köln steht mit Tatkraft hinter der Veranstaltung“, betont Marco Mendorf, Kölner Ratsmitglied, jugend- und wirtschaftspolitischer Sprecher der Ratsfraktion und stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Stadt Köln, und überbringt den Gästen der Auftaktveranstaltung Grüße von Oberbürgermeister Fritz Schramma. Köln sei ein Technologiestandort mit langer Tradition und habe eine Vielzahl von Innovationen auf den Weg gebracht. Und es sei sehr wichtig, gerade junge Menschen für Technik zu interessieren. „Wir brauchen neugierigen Nachwuchs im Bereich der Ingenieurwissenschaften.“ Tour 3 rechtsrheinisch. Es ist 20.20 Uhr und „wir fahren zum TÜV“, einem weiteren Premiumsponsor. Bei der „Nacht der Technik“ ausnahmsweise ohne das ungute Gefühl, der Prüfer könne dieses Mal doch wieder einen Mangel an unserem vierrädrigen Schätzchen finden. Denn: Heute muss die TÜV Rheinland Group zeigen, was sie kann. Das beginnt schon vor dem Hauptgebäude, wo sich drei Insassen eines Fahrzeugs aus einer misslichen Lage befreien müssen: Angeschnallt haben sie einen Überschlag hinter sich und hängen jetzt kopfüber in den Gurten. Sich daraus zu befreien, ohne sich dabei (weitere) Verletzungen zuzufügen, bekommt die junge Frau am Steuer gerade gezeigt. Im Hauptgebäude laufen derweil die Führungen durch die Labore und Prüfstellen. Welche Tests muss ein Solarmodul bestehen? Wie können Bauwerke und Brücken technisch überwacht werden? Und was muss bei Spielzeugen alles überprüft werden, bevor sie in Kinderhände gelangen? Der TÜV hat viel aufgeboten, um Technik für die Besucher erlebbar und verständlich zu machen. Und die Angebote werden rege genutzt. Die Fahrgäste der Tour 4 machen inzwischen Station bei der AXIANS NK Networks & Services GmbH. Es ist 20.33 Uhr. Ein spezielles Angebot für spezielle Besucher. Es sind nicht allzu viele, die an der Von-der-Wettern-Straße aussteigen. Viel zu sehen von der Technik ist im durchgestylten Sitz von AXIANS nicht, zu hören und zu lernen aber umso mehr: Im „Proof of Concept-Lab“ (PoC-Lab) werden Simulationen durchgeführt, um neue Netzwerkkonzepte vor ihrem Einsatz komplett durchzutesten. Auch die Kompatibilität von Hardware kann so sicher im Vorfeld ausprobiert werden. Und weil auch über Ausbildungsmöglichkeiten im Hause informiert wird, finden Vater und Sohn hier genau das, was sie gesucht haben. Getränke und einen kleinen Snack noch dazu, denn ein Wolkenbruch scheint zu verhindern, dass der nächste Bus kommt. Vielleicht ist es aber auch nur der Umweg, den die KVB nehmen muss, weil die Sperrung einer Autobahnausfahrt Tour 4 die ganze Nacht lang zur Streckenänderung zwingt. 21.02 Uhr. Tour 4 hält bei der PREMIO W. Johann GmbH. Fast tun sie einem leid, die Mitarbeiter der PREMIO: Denn als der Gelenkbus vor dem Betriebsgelände stoppt, hat der Himmel seine Schleusen noch immer nicht geschlossen. Da sind auch 50 Meter für einen Sprint zu weit und den Businsassen bleiben die Informationen zur Run-on-Flat-Technologie vorenthalten. Ein Foto vom haltenden Bus, der bis auf den letzten Platz gefüllt ist, muss bei diesem Stopp reichen, ein kurzer Gruß und weiter geht’s in die Nacht. Etwa zur gleichen Zeit linksrheinisch auf Tour 1 an der Bushaltestelle vor der Motair Turbolader GmbH: Der Bus kommt, Einsteigende übernehmen die Plätze der Aussteigenden. Auf seiner Tour fährt der Bus weiter zur nächsten Station GS1 Germany. Die blau-grünen „watch.ing“-Plakate weisen den Weg zum Eingang des „Knowledge Centers“. Die Gruppe wird in die erste Etage geführt. Eine Führung ist noch im Gang, da heißt es kurz warten. Doch dann öffnen sich zwei große Türen und die Besucher dürfen das erst im Mai dieses Jahres eröffnete „Value Chain“ live (!) betreten: Dank modernster Technik und einer multimedialen Inszenierung können sie am Beispiel einer Wasserkiste die Wertschöpfungskette von der Produktion bis zur Rückführung erleben. Der beeindruckende, professionell und unterhaltsam aufbereitete Film auf der Panorama-Medienwand informiert über die Hintergründe. Und eigentlich soll das Produkt parallel die Ware physisch von der Produktion über das Lager bis zur Ladenkasse transportieren. Doch die Technik spielt GS1 an diesem Abend einen Streich: Das Band ist ausgefallen. Was der Präsentation aber keinen Abbruch tut, denn die Besucher erfahren auf ihrer Reise durch die virtuelle „Value Chain“ unter anderem, dass sie jeden Tag mit GS1 in Berührung kommen. GS1 Germany hilft nämlich Unternehmen aller Branchen dabei, moderne Kommunikations- und Prozess-Standards in der Praxis anzuwenden und damit die Effizienz ihrer Geschäftsabläufe zu verbessern. Unter anderem ist das Unternehmen in Deutschland für das weltweit überschneidungsfreie Artikel-Identsystem GTIN zuständig – die Grundlage des Barcodes. Darüber hinaus fördert GS1 Germany die Anwendung neuer Technologien zur vollautomatischen Identifikation von Objekten (EPC/RFID) und bietet Lösungen für mehr Kundenorientierung (ECR – Efficient Consumer Response). Das privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen mit Sitz in Köln gehört zum internationalen Netzwerk „Global Standards One“ (GS1) und ist die zweitgrößte von mehr als 100 GS1-Länderorganisationen. Von der Rückverfolgbarkeit über verbesserten Kundenservice bis zum 100-prozentigen Plagiatschutz – die modernen Barcode-Technologien auf Basis der GS1-Standards sorgen für einen beschleunigten Waren- und Datenfluss und damit für deutliche Kosteneinsparungen und Effizienzvorteile. Interessante Information braucht Zeit. Vier Stunden sind bereits vergangen. Der Pendelbus von Tour 1 zu Tour 2 startet um 22.10 Uhr. Inzwischen können sich die Fahrgäste den Platz im Bus aussuchen, die Teilnehmer haben sich über das gesamte Veranstaltungsgebiet verteilt. Und aufgrund der fortgeschrittenen Zeit müssen sie sich jetzt überlegen, was bis 24 Uhr noch zu schaffen ist. Die Wahl bei Familie Schneider und ihrem 14-jährigen Sohn Tobias ist gefallen. „Wir können hier jetzt nur noch zu einer Station fahren, denn wir wollen ja noch zur Tour 3 rüber und die Abschlussveranstaltung in der Fachhochschule mitbekommen“, sind sich die drei sicher. Tobias ist aber schon jetzt schwer beeindruckt von dem, was er bisher gesehen hat. „Das ist toll, dass man hier auch mal hinter die Kulissen schauen kann und sieht, was sonst nicht zu sehen ist.“ Und sein Vater fügt hinzu, sein Sohn werde bestimmt später mal beruflich die Technik-Richtung einschlagen. „Schließlich hat er schon als ganz Kleiner an jeder Schraube gedreht.“ 22.55 Uhr auf Tour 2. Stopp bei der AVG Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Köln mbH, ebenfalls Premiumsponsor der „Nacht der Technik“. Die Mitarbeiter verteilen grüne Schutzhelme an die Besucher und während im Hintergrund Live-Musik von der Bühne schallt, sind sie gleich mittendrin in der Führung. Es geht durch die gesamte Anlage und von der Musik ist bald nichts mehr zu hören. So wird erklärt, dass Haus-und Sperrmüll sowie die Reste aus Sortieranlagen getrennt in den Tagesmüllbunker abgekippt und dann aufbereitet werden. Der Hausmüll beispielsweise durchläuft zunächst eine Siebtrommel, in der der Abfall in verschieden große Teile getrennt wird, was die weitere Verarbeitung erleichtert. Der Sperrmüll wird, nachdem er auf eine maximale Größe von 400 mm geschreddert wurde, dem Hausmüll zudosiert. Diese Vorbereitungen dienen dazu, den Müll für die anschließende Verbrennung vorzubereiten. Vorher landet der vorsortierte Abfall im Restmüllbunker, wo er einige Tage zwischengelagert wird, um entwässern zu können. Wieder ein Schritt zur Verbrennungsvorbereitung. Beeindruckt sind die Besucher von der Größe des Restmüllbunkers, in dem ein riesiger Greifer seine Arbeit tut. Die Sorge einer kleinen Besucherin, ein lebendiges Tier, zum Beispiel ein Eichhörnchen, könne sich in den Müll verirren, kann der AVG-Ingenieur schnell aus der Welt schaffen. „Ein Tier kann hier gar nicht hineingelangen.“ Bis zu 20 Tonnen Abfall können in den vier Kesseln der Kölner Restmüllverbrennungsanlage jeweils stündlich verbrannt werden. Temperaturen von bis zu 1.200 °C werden hier erreicht. Und natürlich können die Besucher auch einen Blick in die Feuerungsanlage werfen. In den Kesseln befindet sich ein Walzenrost, der aus sechs beweglichen Walzen besteht. Durch die Drehung wird der Müll innerhalb einer Stunde durch den Kessel transportiert. Die Temperaturen etwa zehn Meter oberhalb des Rostes müssen mindestens 850 °C betragen. Laut Gesetzesvorschrift müssen die Abgase diese Temperatur für mindestens zwei Sekunden einhalten. So ist gewährleistet, dass eine Vielzahl von Schadstoffen, Dioxine und Furane zum Beispiel, bereits hier zerstört werden. Die übrig bleibende Asche fällt in einen Entascher. Nach der Kühlung bringt ein Förderband die Asche zur Ascheaufbereitungsanlage. Die nächste Station führt die Besucher in die Leitwarte, das „Gehirn“ der Restmüllverbrennungsanlage. Die hier zusammenlaufenden Informationen werden von den „Leitstandfahrern“ kontrolliert. Dass eine Restmüllverbrennungsanlage auch über eine Abgasreinigung verfügt, erfahren die Besucher beim weiteren Rundgang. Es gibt fünf Reinigungsstufen, die dafür sorgen, dass die Anlage sauber betrieben werden kann. Nach intensiver Reinigung der Abgase strömen diese durch einen Kamin aus der Anlage heraus. Um sicherzustellen, dass die Abgase sauber sind, ist am Kamin ein Messhaus installiert, in dem die Schadstoffe ständig kontrolliert werden. Die Messinstrumente werden regelmäßig vom TÜV überprüft und die gemessenen Abgaswerte werden zur Leitwarte und parallel per Online-Datentransfer direkt zum Staatlichen Umweltamt übertragen. Im Odysseum hat die Besucherin ihre gesunde Gesichtsfarbe kurz vor 23 Uhr verloren: Sichtlich angeschlagen löst sie die Gurte des Sitzes, auf dem sie kurz zuvor um alle Achsen gedreht wurde. Das neue Wissenschaftsmuseum in Kalk hat zwei Themenräume für die Besucher geöffnet, die regen Gebrauch von den Angeboten machen, auf Trimmrädern durch virtuelle Welten strampeln, den Basketball-Roboter so ausrichen, dass der Wurf garantiert im Korb landet oder am Flugsimulator die Joystick-Qualitäten des Juniors testen. Gleich nebenan stehen zwei Kommissare buchstäblich im Regen: Vor dem Polizeipräsidium wurde aufgefahren, was die „Freunde und Helfer“ so an (Fahrzeug-)Technik zu bieten haben. Und während sich die Kollegen in ihre Einsatzwagen zurückgezogen haben, trotzen die beiden Beamten unter einem kleinen Regenschirm dem Starkregen. Drinnen interessieren sich die Besucher für Möglichkeiten der Kriminalitäts-Prävention. Und sie machen sich auf die Spurensuche à la „CSI“: Unter dem Licht der „Crime Lites“ sind Flecken auf dem Tuch erkennbar. „Künstliches Sperma“, erklärt Kriminalkommissar Matthias Wallmeroth, „das ist fluoreszierend und durch die unter- schiedlichen Wellenlängen des Lichts können wir das jetzt erkennen.“ „Sichtbarmachung latenter Spuren mit polyfrequenten Lichtquellen“, heißt das in der Wirklichkeit trocken, was die TV-Ermittler ganz cool im Vorbeigehen erledigen. Und während sich der kleine Elias, 8, für das individuelle Fahndungsfoto gerade portraitieren lässt, kann Mathematik-Student Fabian den fertigen Ausdruck schon entgegennehmen. Zusammen mit dem Satz eigener Fingerabdrücke geht’s für ihn weiter auf der Tour durch die Nacht. 23.07 Uhr, Tour 3 – Fachhochschule Köln. Fußspuren in den Farben der „Nacht der Technik“ weisen auch eine Stunde vor dem Ende zielsicher den Weg zu den Attraktionen. Wer sich aber vom Ingenieurwissenschaftlichen Zentrum erst einmal abwendet und in entgegengesetzter Richtung das Wasserlabor aufsucht, bekommt ein Modell gezeigt, das in und um Köln zu tragischer Berühmtheit gelangt ist: Das (Grund-)Wasser wird auf einer Seite des Plexiglasbehälters abgesaugt und unter der Trennwand rutscht das Gestein von der anderen Seite nach. So einfach kann gezeigt werden, wie möglicherweise das Stadtarchiv in Köln zum Einsturz kam. Zurück ins Hauptgebäude, einem der Zentren der Nacht der Technik. Vor dem Ausstel- lungsraum lässt Marco Norkiewicz einen BMW über die Steinplatten rasen. Im Höllentempo durch die Besucher, Vollbremsung, Drift und mit Karacho wieder zurück. Drinnen vieles, was in Köln in Sachen Technik Rang und Namen hat: die Verkehrsplaner der Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft, das Fraunhofer Institut, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg und das Chemieunternehmen INEOS, dazu TOYOTA, XPERIENCIA und IHK – Technikexperimente und Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle finden interessierte Teilnehmer. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, im Tischfußball gegen eine Maschine anzutreten? Keine Spur von Müdigkeit zeigen gegen Mitternacht die Schülerinnen der Kölner Ursulinenschule, die mit den Jungs der CJD-Christopherusschule Königswinter gemeinsam die ganze Nacht der Technik lang gezeigt haben, was bereits der Technik-Nachwuchs mit ein wenig Anleitung zu leisten imstande ist: Ihre Roboter sind nicht umsonst preisgekrönt. Und weil die Dunkelheit der Nacht mittlerweile den Technikstandort Köln umschlossen hat, die Temperaturen aber weiter angenehm sind, feiern viele auf dem Platz vor der FH gemeinsam mit Veranstaltern, Teilnehmern und Besuchern bei der After-Show-Party: „watch.out“ – nicht nur das Ende von „watch.ing“ 2009, sondern zugleich Ausblick auf das, was die Nacht der Technik für Köln auch in Zukunft werden kann. Ein fester Bestandteil im Terminkalender. Denn nur wenige Tage später denken die Veranstalter VDE und VDI über eine zweite Auflage im nächsten Jahr nach. Projektleiter Winfried Wurster: „Die Nacht der Technik war eigentlich erst nur als Prototyp gedacht. Dass sich dieser in solcher Windeseile als ein derartig nachgefragtes Projekt vonseiten der Unternehmen und Besucher herausstellt, hätten wir in diesem Ausmaß nie gedacht. Bereits jetzt haben wir schon Anfragen für das Jahr 2010 von Unternehmen vorliegen.“ Die endgültige Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen. Fällt sie positiv aus, freut das sicher viele Teilnehmer, die in den sechs Stunden lange nicht alles sehen konnten, was sie gerne gesehen hätten. Denn überall im Bus, an den Haltestellen, in den Unternehmen blätterten die Menschen auch noch zu später Stunde in den Programmheften und nahmen sich vor: „Das schauen wir uns auf jeden Fall das nächste Mal an.“ Dr. Dunja Beck/Klaus Lawrenz
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