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Müllvertwertung in Bonn: auch für Schulklassen ein interessantes Thema. Foto: Lawrenz

Von Dr.. Dunja Beck

 

"Energie aus der Tonne"

 

Zeitung gelesen, Flasche ausgetrunken, Fernseher kaputt. Also, weg damit? Nein. Diese Zeiten sind bei uns schon lange vorbei: Müll wandert nicht einfach in die Tonne – er wird getrennt, gesammelt und recycelt. Abfallverwertung hat in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten große wirtschaftliche und umweltpolitische Bedeutung erlangt – Stichworte: Sekundärrohstoffe und Klimaschutz.

 

Vorausgegangen ist dieser Entwicklung die Erkenntnis, dass Ressourcen in Deutschland nicht unendlich zur Verfügung stehen. Man erkannte, dass Ressourcennutzung durch Verwertung der Abfälle in der Zukunft immer wichtiger wird und die Vermeidung von Abfall oberste Priorität genießen muss. „Das erste Abfallgesetz stammt aus dem Jahr 1972“, sagt Dipl.-Ing. Wilhelm Terhorst, Gründer und Geschäftsführer der WMT Waste Management Technology & Service GmbH, Vorstandsvorsitzender der Gütegemeinschaft Sekundärbrennstoffe und Recyclingholz und Vorsitzender des Fachbereichs Abfallbehandlung im Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft. Anfang der 1970er-Jahre also machte die Politik diesen ersten Schritt und widmete sich dem Thema „Abfallwirtschaft“. „Das war ein ganz wichtiger Schritt“, betont Wilhelm Terhorst, „denn dieser frühe politische Flankenschutz war ausschlaggebend für die Folgejahre. Ohne ihn wäre vieles nicht erreicht worden.“ Nach und nach erkannte man also, dass „nicht allein die Abfallbeseitigung im Vordergrund stehen muss, sondern vielmehr die Ressourcenschonung“, so Terhorst. Schließlich entwickelte sich aus dem ersten Abfallgesetz das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz, das 1996 beschlossen wurde. Um sein Ziel, die umfassende Vermeidung und Verwertung von Abfällen, zu erreichen, beinhaltet das Gesetz verschiedene Rechtsverordnungen, wie die Regelungen zur Produktverantwortung, die Anforderungen an eine umweltverträgliche Verwertung von Abfällen und die Anforderungen an die umweltverträgliche Abfallbeseitigung. Das Duale System mit dem Grünen Punkt als Teil der 1991 in Kraft getretenen Verpackungsverordnung gehört sogar schon fünf Jahre früher zu unserem Leben dazu. Und inzwischen gibt es zahlreiche weitere Verordnungen für die Verwertung von Verpackungen, Batterien, Elektro- und Elektronikgeräten, Kunststoffen, Altfahrzeugen, Altöl, für Papier, Glas und Schrott natürlich und für Siedlungsabfälle. Denn die dürfen laut EU-Vorschrift seit dem 1. Juni 2005 nicht mehr auf die Deponie, sondern müssen verbrannt oder aufbereitet werden. Erst vor wenigen Wochen wurde das neue Batteriegesetz verkündet, das am 1. Dezember 2009 in Kraft tritt. Es beinhaltet unter anderem verbindliche Sammelziele für handelsübliche Altbatterien, auch Beschränkungen für die Verwendung von Cadmium und Quecksilber sind vorgesehen, und es setzt die europäische Altbatterierichtlinie in nationales Recht um. Für die Zukunft hat sich die Bundesregierung das umweltpolitische Ziel gesetzt, die Abfall- und Kreislaufwirtschaft in den nächsten Jahren hin zu einer Stoffstromwirtschaft weiterzuentwickeln. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit teilt mit, Abfälle sollen konsequent getrennt und vorbehandelt, durch Recycling oder energetische Nutzung die im Abfall gebundenen Stoffe und Materialien vollständig genutzt und somit eine Deponierung überflüssig werden. „Ziel 2020“ heißt die Strategie, die das Umweltbundesamt schon seit zehn Jahren verfolgt. Zusammengefasst bedeutet das: Ressourcenschutz durch umweltverträgliche Verwertung von Siedlungsabfällen. Abfallverwertung schont nicht nur die natürlichen Ressourcen. „Eine moderne Abfallwirtschaft trägt natürlich auch dazu bei, den CO2-Ausstoß zu vermindern“, erklärt Wilhelm Terhorst. Die Verwertung des auf Deponien entstehenden Gases, das Verbot der Deponierung organischer und brennbarer Abfälle sowie die Energieeinsparung als wesentlicher Effekt der Nutzung von Sekundärrohstoffen machen sogar einen wesentlichen Anteil in der Erfolgsbilanz Deutschlands bei der CO2-Einsparung aus. Dieser wichtige Beitrag zum Klimaschutz wurde jüngst in einer Studie des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums näher definiert. Die Studie enthält konkrete Maßnahmen für die Siedlungsabfallwirtschaft, um den Ausstoß von CO2 zu verringern und Ressourcen zu schützen, heißt es in einer Pressemitteilung des NRW-Umweltministeriums. „Abfälle müssen in einem noch stärkeren Maß als Rohstoff- und als Energiequelle benutzt werden“, bilanziert dort NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg. „Die Ergebnisse bilden eine Grundlage um die Effizienz in unseren Müllverbrennungsanlagen weiter zu steigern und geben uns Anhaltspunkte, wie die kommunalen Konzepte zur Abfallverwertung optimiert werden können.“ Laut Studie liegen die größten Einsparpotenziale für den Klimaschutz darin, die Energieeffizienz von Müllverbrennungsanlagen weiter zu steigern. Bereits jetzt diene die bei der Verbrennung entstehende thermische Energie dazu, Haushalte und Industriebetriebe mit Strom, Fernwärme und Dampf zu versorgen. In Wärmenutzung und Stromerzeugung steckten weitere Potenziale für den Klimaschutz. Die im Müll verborgene Energie wird schon seit einigen Jahren in Restmüllverbrennungsanlagen gewonnen. „Waste to energy“ heißt diese Art der Energierückgewinnung. Beispiel: die Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Köln mbH (AVG). „Mit der von uns produzierten Energie können wir etwa 100.000 Haushalte mit Energie beliefern“, erklärt der technische Hauptabteilungsleiter der AVG, Hartmut Haeming, der auch Sprecher der Interessengemeinschaft NRW-Deponiebetreiber ist. „Seit dem Deponieverbot für Restmüll im Jahr 2005 haben Müllverbrennungsanlagen an Bedeutung gewonnen. Das war ein wichtiger Schritt für den nachhaltigen Umweltschutz“, sagt er. Zwar gibt es noch Deponien, auch die AVG betreibt im Auftrag der Stadt Köln eine, die „Vereinigte Ville“ auf dem Gebiet eines ehemaligen Braunkohletagebaus. „Hier dürfen allerdings nur noch Aschen und ähnliche Materialien, die kein Methangas mehr bilden, gelagert werden“, so Hartmut Haeming. Hierhin kommen auch die aufbereiteten Reste aus der Müllverbrennungsanlage, die sonst keine Verwendung finden. 17 Müllverbrennungsanlagen gibt es derzeit in NRW, und diese haben mit denen früherer Zeiten nur noch wenig gemeinsam. Haeming: „Ursprünglich waren die Verbrennungsanlagen nur darauf ausgerichtet, anfallende Abfälle zu beseitigen. Die damaligen Anlagen hatten eine spürbar geringere Energieausbeute.“ Durch fortschreitende Technik und zunehmende Energiepreise habe sich das grundlegend geändert. „Moderne Müllverbrennungsanlagen wie unsere erzeugen effizient Energie, meist nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung als Strom und als Dampf. Diese wiederum sind besonders umweltfreundlich, da über die Hälfte des Abfalls aus erneuerbaren Energieträgern besteht. Bei ihrer Verbrennung wirken sie klimaneutral und tragen gleichzeitig dazu bei, den Einsatz fossiler Brennstoffe zu reduzieren.“ Im Zuge des Deponieverbots 2005 entstanden in jüngster Zeit neben den Müllverbrennungsanlagen auch vermehrt Ersatzbrennstoff-(EBS)-Kraftwerke. Hier werden Stoffe verbrannt, die einen besonders hohen Heizwert haben. Also beispielsweise bestimmte Teile aus der Gelbe-Tonnen-Sammlung. „Ein Kilo Plastik hat einen höheren Heizwert als ein Kilo Braunkohle“, erklärt Hartmut Haeming. „In den EBS-Kraftwerken wird nun versucht, den Energiegehalt der zu verbrennenden Stoffe möglichst vollständig zu gewinnen.“ Während Müllverbrennungsanlagen darauf ausgerichtet sind, „Allesfresser“ zu sein, sind EBS-Kraftwerke spezialisierter, das heißt auf bestimmte Brennstoffsegmente ausgerichtet. Möglich ist dies erst durch die immer ausgereiftere Mülltrennung. Auf dem Gelände des Chemieparks Knapsack ging Anfang des Jahres ein hochmodernes Ersatzbrennstoffkraftwerk (EBKW) ans Netz. Von NRW-Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers bei der offiziellen Einweihung im März als „Meilenstein moderner Umwelttechnik“ gelobt, versorgt es den Chemiestandort mit Dampf und Strom und ersetzt dabei fossile Einsatzstoffe wie Kohle, Öl oder Gas. Pro Jahr werden je nach Heizwert zwischen 240.000 und 280.000 Tonnen Ersatzbrennstoffe, das sind unter anderem aufbereitete Gewerbeabfälle, thermisch verwertet und in Strom und Prozessdampf für den Chemiepark umgewandelt. Die dazu eingesetzten Kraft-Wärme-Turbinen erreichen eine Leistung von rund 33 Megawatt. Am Standort Knapsack wurden rund 105 Millionen Euro in das Kraftwerk investiert und 35 neue direkte Arbeitsplätze sowie circa 15 weitere im Umfeld geschaffen. Für die Umsetzung des Projekts und den Betrieb der Anlage haben die Projektpartner InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG, die Betreibergesellschaft des Chemieparks Knapsack, und E.ON Energy from Waste (EEW) eine eigene Gesellschaft gegründet: die EBS Kraftwerk GmbH. Neben der Müllverbrennung, so ein weiteres Ergebnis der NRW-Studie, bietet die Behandlung von Bio- und Grünabfällen große Chancen, den CO2-Ausstoß zu verringern. Kompostverwertung ist ein Beispiel und ebenfalls in Köln zu finden. Die von der AVG gebaute und von der Kompostierung und Verwertung Gesellschaft Köln mbH (KVK) betriebene Kompostierungsanlage in Köln-Niehl ist seit 1995 in Betrieb. Nach dem Vorbild der Natur werden hier Bio- und Grünabfälle verarbeitet. Im Unterschied zur Natur läuft der Prozess allerdings dank optimierter Bedingungen schneller ab als die natürliche Verrottung. Bei der Kompostierung verrottet Pflanzenmaterial, indem Mikroorganismen die organischen Bestandteile des Ab­- falls umwandeln. Dieser Stoffwechselprozess setzt Wärme frei und hygienisiert das Material damit automatisch. Übrig bleibt Kompost, der übrigens auch als Torfersatz dient und so direkt Ressourcen schont. Verarbeitet werden Abfälle aus der Biotonne, Grünschnitt aus Grünanlagen sowie kompostierbare Gewerbe- und Marktabfälle. Erzeugt werden Kompostqualitäten verschiedener Rottegrade und Nährstoffgehalte sowie Schreddergut mittels unterschiedlicher Techniken. Bei der Mietenkompostierung spielt die Belüftung eine entscheidende Rolle für die Komposterzeugung. Angesaugte Luft durchströmt die locker aufgesetzten Mieten. Dabei versorgt sie die Mikroorganismen mit Sauerstoff. Die verbrauchte Luft, die mit Biogasen und Gerüchen versetzt ist, passiert die Lüftungsschlitze im Boden auf dem Weg zur Biofilteranlage. Hier „fressen“ Mikroorganismen die Gerüche auf, bevor die Luft die Anlage gereinigt verlässt. Mikroorganismen kommen auch bei der Vergärung von Bioabfällen zum Einsatz. Um den CO2-Ausstoß zu senken, sollten mehr Bioabfälle in Vergärungsanlagen verwertet werden, zu diesem Schluss kommt die aktuelle Studie des NRW-Umweltministeriums. Bei dieser Form der Bioabfallverwertung wird durch Vergären biogener Stoffe unter Luftabschluss Methangas erzeugt, das anschließend im Blockheizkraftwerk verbrannt wird. Über diese Verbrennung entsteht wiederum Energie. Neben der Energiegewinnung kann der Gärrest außerdem als Kompost verwertet werden. Vergärung spielt derzeit allerdings noch eine eher untergeordnete Rolle. Laut Studie werden bis jetzt nur circa 11 Prozent der Bioabfälle in NRW per Vergärung verwertet. Der Großteil der Bioabfälle landet in Deutschland noch in Kompostierungsanlagen.

 

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