Text: Dr. Dunja Beck, Foto: Klaus Lawrenz
Jeden Tag kommen wir viele Male mit ihm in Berührung: Morgens beim Kaffeekochen, wenn wir ins Auto einsteigen, das Telefon zur Hand nehmen, am Computer sitzen, zum Sport gehen, mit den Kindern spielen – Kunststoff ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Mit über 100.000 Beschäftigten in rund 3.000 Unternehmen und Organisationen sowie einem Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Euro ist die Kunststoffindustrie in Nordrhein-Westfalen einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige und NRW deutschlandweit an der Spitze der Kunststoffbranche. Die durchgängige Wertschöpfungskette reicht von Kunststofferzeugern, Kunststoffver- und -bearbeitern und Kunststoffmaschinenbauern über eine breite Wissenschafts-, Forschungs-, Weiterbildungs- und Dienstleistungslandschaft bis hin zu einem großen Spektrum von Anwendern. Wer die regionale Verteilung der Unternehmen aus der Kunststoffbranche betrachtet, dem sticht sofort der Oberbergische Kreis ins Auge: Über 240 Betriebe bilden die Wertschöpfungskette der kunststoffverarbeitenden und kunststoffnahen Industrie mit rund 6.500 Beschäftigten und machen ihn zum herausragenden Kunststoffkompetenzstandort in NRW. Wilfried Holberg, als Wirtschaftsförderer beim Oberbergischen Kreis für die Clusterentwicklung zuständig und Geschäftsführer des Vereins Kunststoff Initiative Oberberg KIO e. V., spricht vom „NRW-Kunststoffstandort Nr. 1.“ Breit aufgestellt sind die Unternehmen im Oberbergischen Kreis. Die Produkt- und Leistungspalette reicht von der Compoundierung von Kunststoffgranulaten für Qualitätsprodukte und Spezialanwendungen bis zur Herstellung von hochpräzisen und hochwertigen Produkten für die Bereiche Automotive, Medizin und Messtechnik. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen dieser Branche weiter zu stärken, wurde im Frühjahr 2009 die Kunststoff Initiative Oberberg KIO e. V. gegründet. Hauptaufgabe und Ziel von KIO ist es, Unternehmen zu vernetzen, Erfahrungsaustausch und Kooperationen zu fördern und durch Fachseminare mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten Informationen über Technologien und Inno- vatiospotenziale weiterzugeben. „Die Gründung des Vereins war ein großer Erfolg, der am Ende einer zweieinhalbjährigen Anschubphase die Netzwerkgeschicke in die eigen- verantwortliche Gestaltung durch die Unternehmen selber gelegt hat“, sagt Wilfried Holberg. Begonnen hatte diese Phase mit Überlegungen des Landrats, die Wirtschaftsförderung des Kreises ergänzend zu konkretisieren. Im Rahmen eines Gutachtens, das die wirtschaftlichen Potenziale des Kreises verifizieren sollte, habe sich gezeigt, so Wilfried Holberg, „dass es im Oberbergischen Kreis eine einmalige Wertschöpfungskette der kunststoffverarbeitenden Industrie gibt“. Ein Masterplan wurde erstellt, mit dem Ergebnis, die Clusterentwicklung zukünftig auf den Kunststoffbereich auszurichten. Jetzt kam Wirtschaftsförderer Holberg ins Boot – „eine spannende Aufgabe, die ich sehr gerne übernommen habe“ –, denn nun galt es herauszufinden, mit welchen Instrumenten die entstehende Netzwerkstruktur Wertschöpfung für die Unternehmen erreichen bzw. vermehren kann. „Clusterentwicklung ist ein langwieriger Prozess“, erklärt der Geschäftsführer. Gerade am Anfang habe er viele Kontakt anbahnende Gespräche mit Unternehmen geführt, ohne ihnen konkrete Nutzwerte aus einer Beteiligung anbieten zu können. Natürlich seien Fragen wie „Was habe ich davon?“ nicht nur einmal gestellt worden, doch mittlerweile nehme die Netzwerkarbeit Formen an. „Betriebe, die sich vorher nicht kannten, haben über F&E-Kooperationen bereits gemeinsam Innovationen auf den Markt gebracht.“ Ein Beispiel: Die BARLOG plastics GmbH hat zusammen mit der Firma Lackiertechnik Egon Vogel GmbH, einem Unternehmen für Oberflächentechnik, eine 3-D-Effektlackierung entwickelt und zur Marktreife geführt. Ergebnis einer Begegnung auf einer KIO-Veranstaltung. Die Arbeit von KIO konzentriert sich jetzt auf die Bündelung von Unternehmerinteressen. Dazu gehört unter anderem die Organisation von Fachveranstaltungen, aber auch die Unterstützung bei der Akquise von Fördermitteln. Die inzwischen 16 Mitgliedsunternehmen unterstützen die Weiterentwicklung von KIO tatkräftig von innen heraus. Das heißt, dass sie neben dem Entrichten der Mitgliedsbeiträge Personal- und Zeitressourcen einsetzen, um zum Beispiel in Marketingfragen den Verein voranzubringen. Beispielhaft für die Innovations- und Gestaltungskraft der Unternehmen ist die Organisation des international besuchten jährlichen Engelskirchener Kunststoff-Technologietages zu nennen. Die Stärke des Kunststoffstandorts Oberberg spiegelt sich aber auch in der Präsenz der Unternehmen aus dem Kunststoff-Sektor auf internationalen Veranstaltungen wider. Auf der internationalen Messe für Kunststoffverarbeitung „Fakuma“ in Friedrichshafen waren im vergangenen Oktober elf Unternehmen aus der Region vertreten. Auch KIO war als einer von 17 Ausstellern auf dem Gemeinschaftsstand des Landes Nordrhein-Westfalen vertreten und präsentierte mit einem Produktspektrum von über 30 Kunststoffverarbeitern einen überzeugenden Querschnitt oberbergischer Kunststoffkompetenz. „Ein gutes Beispiel für das funktionierende Netzwerk“, sagt Wilfried Holberg, denn dank Gemeinschaftsstand könnten auch die Firmen an der „Fakuma“ teilnehmen, die als Einzelaussteller nicht über ausreichendes Messeequipment und -budget verfügen. Insgesamt mehr als 1.500 Aussteller aus über 30 Nationen zeigten auf der 20. „Fakuma“ ihre Technologien, Verfahren, Produkte, Teilsysteme und komplette Lösungen, mit denen die Kunden aus aller Welt konkurrenzfähige Kunststoffprodukte herstellen können. Über 37.000 Fachbesucher aus über 90 Ländern der Erde wurden gezählt. Neben der reinen Information fungierte die „Fakuma“ auch als „Verkaufsplattform“. Manche Aussteller berichteten von spontanen Messe-Verkäufen und hohem Interesse an konkreten Lösungen. Was der Organisator, die P. E. Schall GmbH & Co. KG als positives Zeichen dafür wertet, dass die Branche nicht nur auf die Zeit nach der Krise fixiert ist, sondern aktuell konsequent die Weichen für mehr Produktivität und Wirtschaftlichkeit stellt. Als Resümee der „Fakuma“ hält die Schall-Gruppe fest, dass die Messe genau zum richtigen Zeitpunkt stattgefunden und dem Markt kräftige Impulse für nachhaltige Geschäfte gegeben habe. Die „Fakuma“ habe Qualitäten als „Kunststofftechnik-Botschafter“ und als „Wegbereiter für Lösungen in Kunststoff“ gezeigt, was unter den Aspekten Ressourcenschonung, Leichtbau und Energieeffizienz der gesamten Branche enorme Zukunftschancen eröffne. Auf einen erfolgreichen Auftritt auf der 20. „Fakuma“ blickt beispielsweise die Hennecke GmbH zurück. Nach Auswertung einer Vielzahl von Gesprächen mit Kunden und Interessenten fällt die Bilanz des Maschinen- und Anlagenbauers aus Sankt Augustin bei Bonn klar aus: Der Auftritt auf der Fachmesse war auch im Zeichen der allgegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ein voller Erfolg. Das Interesse der zahlreichen Besucher galt vor allem der CSM-Sprühtechnologie, deren Anziehungskraft nicht zuletzt aufgrund der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ungebrochen ist, sowie der neuen TOPLINE HK-Dosiermaschine. Auch über das umfangreiche Schulungs- und Seminarprogramm konnten sich die Fachbesucher informieren. Das praxisorientierte Angebot findet innerhalb des neuen, hauseigenen Trainingszentrums statt und soll für eine deutliche Steigerung der Produktivität und der Arbeitsqualität sorgen. Ebenfalls aus Sankt Augustin reiste die Firma ZETT MESS Technik GmbH, Messmaschinen an den Bodensee. Der Systemanbieter im Bereich der Koordinaten-Messtechnik für den Engineering- und Produktionsbereich sowie für die Qualitätssicherung präsentierte auf der „Fakuma“ transportable Messgelenkarme vom Typ AMPG mit bis zu acht Achsen, die aufgrund der großen Flexibilität primär außerhalb von Messräumen nutzbar sind. Mit seiner neuesten Dichtungsschaum-Entwicklung „FERMASKIN“ präsentierte sich die Sonderhoff Holding GmbH – System-Lieferant für polymere Dichtungs- und Vergusssysteme, Anlagenbau, Automation und Dienstleistungen aus Köln – auf der „Fakuma“. Das Lindlarer Unternehmen Boyke Wear Technology GmbH (BWT), dessen Geschäftsführer Hans-Peter Boyke als KIO-Mitglied vom regionalen Netzwerk überzeugt ist, gab auf der „Fakuma“ einen Überblick über sein umfassendes Produktions- programm. Zu diesem gehören unter anderem die Neufertigung und Regeneration von Schnecken und Zylindern, Prozessoptimierung durch hochwertige Sonderwerkstoffe und Sondergeometrien sowie Oberflächenbeschichtung für Schnecken und Werkzeuge. Unter dem Motto „Durchgängige Konzepte aus einer Hand“ stand der Messeauftritt von BARLOG plastics GmbH. Der Spezialist in der Branche „Technische Kunststoffe und Dienstleistungen“ konzentrierte sich bei der Darstellung seines Portfolios vor allem auf seine Kernkompetenzen, technische Thermoplaste und High-Performance-Polymere. Denn mit eindeutigen Botschaften anzutreten und sich dadurch vom Wettbewerb abzuheben sei in Zeiten, in denen Erfahrung und Kreativität einen hohen Stellenwert für Geschäftserfolge einnähmen, besonders wichtig, betont BAR- LOG-Geschäftsführer Werner Barlog. Als überzeugter Netzwerker veranstaltete das KIO-Mitglied übrigens im September 2009 zum 13. Mal den Engelskirchener Kunststoff-Technologie-tag auf Schloss Ehreshoven. Hier kommen jedes Jahr Experten aus der Kunststoffbranche zusammen, um sich über neue Technologien auszutauschen. Auch die tec2 wird künftig regelmäßig über Innovationen aus Unternehmen der kunststoffverarbeitenden und kunststoffnahen Industrie in der Region berichten.
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